„Braschel gibt allen eine eigene Stimme und gelangt dadurch zu einer respektablen Bandbreite an Perspektiven. Die Komposition führt zu einem stimmigen Ineinandergreifen von Erinnerung und Dokumentation, Literatur und Recherche, Gegenwart und Vergangenheit. Katherina Braschels Roman legt nicht zuletzt Schicht für Schicht den Weg der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des 20.Jahrhunderts nach Erinnerung, Nationalismus und Schuld frei und führt damit ihre Leser:innen zur Frage nach dem Umgang der eigenen Familie mit den Taten und Erfahrungen der Eltern bzw. Großeltern. Wenngleich die Frage nicht direkt gestellt wird, schafft die Autorin ein Setting, das Ausweichmöglichkeiten verhindert und eine Frage am Ende des Romans wie von Zauberhand auf weißem Papier durchschimmern lässt: Habe ich ausreichend nachgefragt oder möchte ich vielleicht doch eine Google-Suche riskieren?“
Ursula Ebel, „Das Spectrum“ in Die Presse, 17.01.2026
„So vermischen sich bald eigene Erinnerungen an Ausflugsfahrten, Brauchtumspflege und Trachtenumzüge einer Gemeinschaft, die sich vorwiegend über das an ihr verübte Unrecht definiert, und dem Versuch, Licht ins Dunkel einer Vergangenheit zu bringen, über die kaum jemand offen sprechen will.
Lina zittert den Ergebnissen ihrer Archivanfragen entgegen: Lässt sich persönliche Mitschuld ihres Großvaters, mit dem sie Lego gespielt und Bäume gezählt hat, nachweisen?
Es ist der Umgang mit diesen Fragen und nicht die Antwort darauf, die Braschel ins Zentrum von ‚Heim holen‘ gestellt hat. Die Suche führt Lina in Salzburger Kellerabteile und in ehemalige Lager und Wohnviertel in Belgrad. Und sie führt zu einer erstaunlichen Annäherung an ihre eigene Mutter.“
Wolfgang Huber-Lang, APA, 19.01.2026
„Die literarischen Miniaturen vermitteln spezifische Atmosphären und sie weisen kleinere und größere Pointen auf. ‚es fehlt viel‘ ist ein Versuch, der sich für Lesende lohnt.“
Maria Motter, FM4
„Trotz der Schwere und der Grausamkeiten, die Katherina Braschel aus den harmlos scheinenden Alltagsbanalitäten schält, erzeugen die lockere, lose gesetzte Aufmachung des Buches und der trockene und klar voranpreschende Sprachfluss auch einen Urwiener Galgenhumor“
Elias Hirschl, kolik83
„Der Text ICD-10 - F63.9 der Autorin Katherina Braschel verblüfft zunächst mit der Recherche, die ihm zugrunde liegt. Dann erstaunt er durch die Genauigkeit, mit der die Erzählerin ihren Körper beschreibt, mit der sie nachvollzieht, dass sie lebt, indem sie verfällt.
Schließlich überrascht Braschel ihre Leserinnen und Leser, indem sie alles Politische, das sich in ihrem Text verbirgt, mit der Schönheit ihrer Sprache überdeckt und so erst hervorhebt, da sie uns zu einem zweiten Lesen zwingt.“
Aus der Jurybegründung zum Wortmeldungen Förderpreis 2019
„Mit ihrer Kurzgeschichte konnte die Autorin die Jury rundum überzeugen. „Der Text umtanzt zwei große Leerstellen“, umreißt Laudator Markus Orths die Story. „Zum einen der Grund für die permanenten Suizidversuche des Vaters. Man kann nur spekulieren, ob es mit der zweiten großen Leerstelle zu tun hat, dem Fehlen der Mutter.“ Besonders beeindruckt war die Jury vom mehrmals wechselnden Duktus der Erzählung. Die Geschichte umfasst den Zeitraum vom vierten bis 21. Lebensjahr der Protagonistin. Laut Meinung der Jury zeichnet sich das Werk durch seine präzise Beobachtungsgabe und kluge Personensetzung aus, die auch die Nebenfiguren umfasst.“
Birgit Karg, Die Rheinpfalz